Pigment
-(Kohle-) Druck.
Auszug aus Technik der Lichtbildnerei,
H. Kühn,
Verlag v. Wilhelm Knapp, Halle 1921
Behandelt man eine Leim-, Eiweiß- oder
Gummischicht mit der Lösung eines chromsauren Salzes, so wird sie nach dem Trocknen
lichtempfindlich und es entsteht bei der Belichtung unter einem Negativ ein bräunliches
Bild, das für sich allerdings unbrauchbar ist.
Aber der Belichtungsakt hat die Eigenschaften
der organischen Substanz durchgreifend geändert: die früher in warmem oder schon kaltem
Wasser lösliche Kolloidschicht hat diese Löslichkeit an den belichteten Stellen
verloren, sie ist hier gehärtet 'worden' und hat dadurch gleichzeitig die Fähigkeit
eingebüßt, überhaupt noch Wasser aufzunehmen.
Auf diesen beiden, zuerst von Poitevin erkannten, eminent wichtigen Tatsachen fußen nicht
nur die sämtlichen photographischen Reproduktionsverfahren, sondern es ist auch auf ihnen
- eine Angelegenheit, die uns hier besonders zu beschäftigen hat - die ganze neuere
Positivtechnik der Lichtbildnerei aufgebaut; Grund genug also, die Vorgänge in der
Schicht etwas eingehender zu betrachten.
Nehmen wir den einfachsten Fall.
Ein Stück Papier, das einen dicken Überzug von Gelatine (der reinsten Form tierischen
Leimes), erhielt, wird mit einer Lösung von Kalium- oder Amrnoniumbichromat überstrichen
und getrocknet. Die Gelatine ist jetzt gegen Tageslicht außerordentlich empfindlich und
muß äußerst sorgsam vor allen schädlichen Lichtspuren geschützt werden, wenn sie
nicht über die ganze Oberfläche eine Allgemeinbelichtung erfahren soll, deren
schädliche Folgen sich später zeigen würden. Jedes chromierte Papier darf nur bei
gelbem Licht oder in einer wirklich düsteren Zimmerecke in den Kopierrahmen gebracht
werden; sehr häufig vergißt man aber dabei, daß das Papier schon in den paar
Augenblicken, wo es durch ein helles Zimmer getragen wird, "anlaufen" kann, d.
h. schädliches Licht empfangen wird, dessen Einwirkung dem Auge zunächst verborgen
bleibt.
Belichtet man nun ein solches pigmentloses
Chromgelatinepapier unter einem Negativ, so stellt sich, wie eingangs erwähnt, eine
allmählich fortschreitende Bräunung ein, man ist aber nicht imstande zu sagen, wann
dieses Chrombild gerade "richtig" kopiert sein würde; es läßt sich also aus
seinem Aussehen kein sicherer Anhaltspunkt für den Kopiergrad gewinnen, selbst dann
nicht, wenn man zum Vergleich eine Randpartie durch ein aufgelegtes Stück schwarzen
Papieres vor jedem Licht schützt, und es ist nicht möglich, zwei Drucke, die den genau
gleichen Belichtungsgrad aufweisen sollen, ohne Benützung eines Photometers herzustellen.
Bringen wir nun das deutlich ankopierte, in
den Schatten stark gedunkelte, bezüglich der* Lichter anscheinend noch ziemlich
unveränderte Papierstück auf zehn Minuten in lauwarmes Wasser, dem man ein paar Tropfen
Ammoniak beifügen kann, so verliert es zunächst, sehr schnell jede Lichtempfindlichkeit,
ferner wäscht sich das überschüssige Chromsalz aus, aber auch das sichtbare Bild
verschwindet mehr und mehr. Hält man jetzt das oberflächlich leicht abgetrocknete
Papierstück schief gegen das Licht, so zeigt sich ein namentlich an starken
Kontraststellen sehr deutliches Relief, ein um so auffallenderes, je länger das Papier im
Wasser quellen konnte und je näher die Wassertemperatur dem Schmelzpunkt der Gelatine
kam.
Man kann sich nun an diesem einfachen. Stück
Papier die Grundzüge zwei Hauptverfahren, dem Pigmentdruck und dem Öl
- (Licht-) Druck, ohne weiteres klarmachen.
Um den letzteren kurz vorwegzunehmen,
zerschneiden wir das Papier und färben die eine Hälfte mit etwas recht dicker und zäher
Öl- oder Kupferdruckfarbe ein, zur Not kann man das mit dem Finger machen. Bringt man
jetzt das Blatt unter Wasser und übergeht man die Oberfläche vorsichtig in kreisenden
Bewegungen mit einem Wattebausch, so zeigt sich, daß die Farbe an den Schattenpartieen
haften bleibt, während die Lichter klar werden. Es läßt sich ein vollständiges
Halbtonbild entwickeln, das entweder auf dem Papier stehenbleibt (Öldruck) oder auf eine
andere Unterlage umgedruckt wird (Öl-Umdruck). Das Verfahren des
Lichtdruckes ist mit dem letztgenannten dem Prinzip nach identisch, nur daß das
Chromgelatinebild nicht auf Papier, sondern auf Spiegelglas hergestellt wird.
Bringen wir die andere Papierhälfte in sehr
warmes, sogar heißes Wasser, so schmilzt die Gelatine, und zwar an den höchststehenden
Partien des Reliefs, den hohen Lichtern, zuerst; denn dort ist sie nicht gehärtet worden.
Die Durchzeichnung der Lichter mit hellen Halbtönen bleibt aber nicht etwa in flachem
Relief erhalten, sie verschwindet vielmehr vollständig, die Gelatinehaut reißt ein, man
sieht deutlich, wie die Halbtöne von rückwärts, von der Papierseite her, unterspült
werden, bis sie schließlich in Fetzen wegschwimmen.
Wurde zu dem Versuch nicht ein mit farbloser Gelatine überzogenes Papier, sondern ein
Stück Pigment-Gelatinepapier verwendet, so ist der Vorgang noch deutlicher zu verfolgen.
Der Grund der Erscheinung ist sofort klar: die im Belichtungsakt erzielte Härtung ist
eine oberflächliche, die nur dort bis zur Papierfaser durchgreift (und also der
Gelatinehaut einen dauernd festen Anhaltspunkt gewährt), wo sehr große Lichtmengen
einwirken konnten, also in den tiefsten Schatten. Den Halbtönen aber fehlt dieser
Rückhalt,. sie werden bei der Entwicklung in heißem Wasser von rückwärts aus, von den
Lichtern beginnend, unterspült und hängen in der Luft. Durch direkte Belichtung und
einfache Entwicklung läßt sich also ein Pigmentbild in Halbtönen nicht erzielen. Würde
man die Papierfaser des Pigmentpapieres mit irgendwelchen Mitteln durchscheinend machen
und dann von rückwärts kopieren (eine Methode, die oft versucht worden ist und die ich
für den "Leimdruck" praktisch verwertet habe), so ließe sich
natürlich ohne weiteres ein Halbtonpigmentbild in heißem Wasser entwickeln. Aber der
dicke Rohstoff des Pigmentpapieres würde, dem Licht zu großen Widerstand entgegensetzen;
es gibt also (abgesehen von der Modifikation, daß die Pigmentschicht auf dünnes
Zelluloid aufgetragen wurde) keinen Ausweg, als das belichtete Pigmentpapier in kaltem
Wasser auf eine andere Unterlage Papier oder Glas, aufzuquetschen und dann auf dieser zu
entwickeln. Dann liegen die gehärteten Bildstellen der neuen Unterlage fest an und
können nicht unterspült werden, während die löslich gebliebenen Gelatinepartieen
obenauf liegen und vorn heißen Wasser leicht weg gewaschen werden können.
Es ist klar, daß dieser
"Einfachübertragsprozeß" seitenverkehrte Bilder liefern muß und daher
umgekehrte Negative voraussetzt. Nun ist es zwar etwas umständlich, nach vorhandenen
normalen Negativen seitenverkehrte Duplikatnegative von ganz tadelloser Tonabstufung
herzustellen, aber es bereitet keine großen Schwierigkeiten, seitenverkehrte
Originalnegative durch eine Belichtung von der Glasseite her - ich habe darüber schon
berichtet - herzustellen.
Andererseits sind im Vergrößerungswege seitenverkehrte Platten natürlich ebenso einfach
wie seitenrichtige zu gewinnen. Jedenfalls empfiehlt sich der Einfachübertragsprozeß
weit mehr als das Doppeltübertragsverfahren, bei dem das entwickelte Bild nochmals auf
eine neue Unterlage gequetscht wird. Die ganzen Manipulationen werden dann zu langweilig
und umständlich, und man ist außerdem auf ein bestimmtes Material, glatte Entwicklungs-
und Doppeltübertragspapiere, angewiesen, womit jede Freiheit in der Wähl der
Papieroberfläche genommen ist. Für vergrößerte Platten sind rauheste Aquarellpapiere
als endgültige Bildträger geradezu Bedingung, weil sonst infolge des grießlichen Kornes
derselbe fatale Bildcharakter herauskommt, der gewöhnliche Bromsilbervergrößerungen so
unerträglich macht. Nur wenn man den Pigmentdruck ohne philiströse Kleinlichkeit
anpackt, wird er für das Wandbild möglich.
Der Pigmentdruck bewahrt überaus streng den
Charakter des zwangsläufigen Verfahrens und erträgt Maßnahmen, die zu einer wirklichen
Beeinflussung der Tonwerte führen könnten, nicht. Keine zweite Methode gibt die
Abstufungen und Einzelheiten des Negativs so getreu wieder, wobei noch bemerkt werden
darf, daß die Schatten eine besonders klare Durchzeichnung aufweisen. Bedingung für
Pigment bleibt also das in jeder Hinsicht, namentlich aber bezüglich der Abstufungen der
Töne nicht mehr verbesserungsfähige, also geradezu vollendete Negativ. Die Fälle aber,
wo das Negativ diesen Idealzustand erreicht, sind doch überaus selten. Und damit ist
eigentlich über die Brauchbarkeit des Pigmentdrucks für unsere Zwecke alles gesagt.
Übrigens ist die penible, pastöse Wiedergabe der hellen Mitteltöne malerisch meist
nicht erwünscht; wie schon erwähnt, vernichtet sie die Atmosphäre im Bild.Der einzige
Eingriff, den man sich gestatten kann, besteht darin, daß man das 'beinahe
ausentwickelte' Bild lokal mit einem Sprühregen von warmem Wasser, dem Spuren
doppeltkohlensauren Natrons beigefügt wurden, behandelt; die vorsichtig angespritzten
Partieen werden dann um eine Nuance heller; aber alle derartigen Mittel bleiben
gefährlich und gehen nicht selten schlecht aus.
Zur reinen Technik das Folgende.
Die Sensitierung des Papieres durch Baden in
der Chromlösung ist weder angenehm noch gesundheitlich vorteilhaft insofern als man sich
sehr böse Folgezustände zuziehen kann.
Wenn die Chromlösung mit irgendeiner
Verletzung der Haut in Berührung kommt, Gummihandschuhe schützen allerdings
vollständig, aber sie sind von leider nur kurzem Dasein und jetzt sehr teuer. Ein nicht
mehr ganz tadelloser Handschuh ist schlimmer als gar keiner; denn die durch einen kleinen
Riß eintretende Chromlösung sammelt sich im Innern und mazeriert den Finger. Wir wissen
doch, daß die Haut porös ist, daß sie atmet und resorbiert, und dürfen uns nicht
wundern, wenn auch die gesunden, unverletzten Hände bei sehr häufigem, jahrelang
fortgesetztem Arbeiten mit Chromlösungen schließlich schädliche Quantitäten von
Chromverbindungen in den Körper bringen. Die Chromate sind aber sehr bösartiger Natur,
und die Chromkrankheit, die in gewerblichen Betrieben bedauerlicherweise Opfer gefordert
hat, gehört zu den hartnäckigsten und schwerst zu bekämpfenden. Man darf nun nicht
glauben, daß man gleich krank wird, wenn man ein paar dutzendmal Pigmentpapier ohne
besonderen Händeschutz sensitiert; aber man sollte doch auch bei der Entwicklung, die in
heißem Wasser erfolgt, das die Hautporen. öffnet, daran denken, daß auch das
Entwicklungswasser mit der Zeit ziemliche Chrommengen aufnimmt, und sich danach richten,
d. h. nie mit Pigment arbeiten, wenn die Hand eine offene Hautverletzung aufweist.
Das gebadete Pigmentpapier trocknet unendlich
langsam, weil die dicke Gelatineschicht enorme Mengen von Flüssigkeit aufsaugt. Je
langsamer das Papier aber trocknet, desto schlechter läßt es sich verarbeiten, desto
unsicherer sind die Resultate. Im ganzen ist ja die Technik des Pigmentdrucks eine
überaus einfache, von Schwierigkeiten ist, wenn man Papiere guter Beschaffenheit
verwendet, keine Rede; nur eben das zu langsam getrocknete Papier kann versagen. Ich
glaube aber, daß man von einer Schnellsensitierung, wie wir sie für Öldruckpapiere
anwenden, viel erwarten darf; wenigstens waren die bisherigen Versuchsergebnisse günstig.
Es scheint sogar möglich, daß sich das Verfahren auch für Diapositiv- und
Gravüreübertragspapiere, die im Interesse der beabsichtigten Bildschärfe auf
Spiegelplatten aufgequetscht anzutrocknen haben, anwenden läßt.
Die Sensitierung enthält einfach Alkohol, und
das Papier wird nicht gebadet, sondern angestrichen. Weil sich das Kaliumsalz mit Alkohol
nicht verträgt, verwendet man das Ammoniumbichromat. Man wiegt ein
beliebiges Quantum an Kristallen ab und bringt es, ohne daß der feine Staub aufgewirbelt
wird, in einen großen, sehr geräumigen Porzellanmörser. Dann mißt man in einer
Litermensur so viel Wasser ab, daß eine sechsprozentige Lösung entstehen wird; von dem
Wasser schüttet man nun ein Quantum in den Mörser und zerdrückt die Kristalle unter
Wasser mit dem Pistill. So wird jede schädliche Zerstäubung vermieden. Ist die
Flüssigkeit tieforangerot geworden, so schüttet man sie durch ein Filter in .die
Vorratsflasche. Aus der Mensur kommt ein neues Quantum Wasser auf die Kristalle, man
zerreibt weiter usf., bis das letzte gelöst und der Inhalt der Mensur verbraucht ist.Die
Vorratsflasche enthält jetzt eine absolut klare und haltbare sechsprozentige Lösung von
Ammoniumbichromat.Ein Zusatz von Alkali, der zur Abstumpfung der Säure regelmäßig
empfohlen wird, ist zu vermeiden; größere Alkalimengen setzen übrigens die
Empfindlichkeit der Schicht bei sämtlichen Chromatverfahren enorm herab.
Zum Gebrauch - aber erst dann - mischt man
gleiche Teile der 6% Ammoniumbichromatlösung mit 96% Alkohol; man trägt mit breitem,
weichem Vertreibpinsel in Kreuz- und Querlinien schnell und ziemlich reichlich auf und
übergeht dann noch einmal in diagonalen Bewegungen mit einem Dachshaarvertreiber; zeigen
sich trockene Stellen, so hört man sofort auf. Das Pigmentpapier wird, wenn es nicht
flach liegt, an den Ecken mit Reißnägeln auf der Pappunterlage mit Zwischenschaltung
einiger Bogen Zeitungsmakulatur befestigt. Meine Pigmentpapiere liegen aber stets flach,
denn ich habe die Gewohnheit, alle aus der Fabrik eintreffenden Gelatinepapiere sofort
umzurollen, so daß die Schichtseite nach außen kommt, und sie, in Packpapier
eingewickelt, dauernd in diesem Zustand aufzubewahren.
Will man in ähnlicher Weise Pigmentpapiere
haarscharf kopierend präparieren, so muß man viel Flüssigkeit schnell beiderseits auf
das Papier bringen und dieses dann ohne viel Zeitverlust auf Spiegelglas, das mit
Wachslösung überrieben worden war, besser und bequemer noch auf Ferrotypplatten,
luftblasenfrei aufquetschen; mir fehlt aber noch die Erfahrung, ob sich die Methode bei
längerer Praxis andauernd bewährt.
Die angegebene Sensitierung gilt für
kräftige Negative; solche mit geringerer Deckung erfordern eine Herabsetzung der
Chrommenge und infolgedessen längere Belichtung. Man kann sehr gut, wenn es (bei
Silhouetten) auf stärkste Kontraste ankommt, mit halbprozentiger Chromlösung arbeiten
und muß nur entsprechend lang belichten.
Das Trocknen erfolgt weitaus am besten am
Ventilator. Papiere, die ohne Alkoholzusatz sensitiert wurden, erfordern eigentlich den
Trockenschrank mit konstantem Luftzug. Selbstverständlich ist jede erhöhte Temperatur
(die Gelatine schmilzt sehr leicht!) von katastrophaler Wirkung. Die mit alkoholhaltiger
Lösung angestrichenen Papiere trocknen auch ohne künstlichen Luftzug schnell. Gas darf
im Arbeitsraum nicht vorhanden sein.
Nach der Belichtung wird das Pigmentpapier
sofort in kaltes Wasser gebracht und die Schichtseite mit einem sauberen Wattebausch
abgerieben; das Papier wird ohne Zeitverlust (es muß sich nur eben eine Spur haben dehnen
können) auf die gewünschte Unterlage aufgequetscht, und zwar in der Weise, daß man es
unter Wasser luftblasenfrei an die Unterlage überall andrückt, dann schnell mit dieser
auf eine unmittelbar daneben liegende Spiegelplatte oder ein ebenes Brett heraushebt und
sofort, von der Mitte beginnend, mit dem Streifenquetscher behandelt .Das Zusammenpressen
muß in glatten Zügen erfolgen. Dann legt man die Papiere (oder für Diapositive: das
Stück Glas mit dem Pigmentpapier) zwischen einige Lagen Filtrierpapier und beschwert das
Ganze durch einen Stoß alter Glasplatten. Nach frühestens einer halben Stunde kann man
entwickeln, und zwar nimmt man gleich ziemlich heißes Wasser (40-45oC). Sobald
man - ich warte niemals eine Minute - mit dem Finger Pigment am Rand herausdrücken kann,
zieht man glatt in einem einzigen Zuge ab. Auch bei 40x50 cm ist das gar kein
Kunststück. Nur bei überbelichteten Drucken nach glasigen, harten Negativen sitzt das
Papier sehr fest.
Das zur Übertragung dienende Papier muß
natürlich eine gegen heißes Wasser unempfindliche Schicht tragen, die andererseits so
beschaffen zu sein hat, daß sie die Papierporen schließt und einen innigen Kontakt mit
der Pigmentschicht ermöglicht. Rauhe, grobnarbige Aquarellpapiere überzieht man deshalb
am besten zwei- oder dreimal hintereinander mit einer durch Chromalaun starkgegerbten
Gelatineschicht. Unter der Voraussetzung, daß das Pigmentbild zum Schluß eine
vollständig matte Oberfläche erhält, darf die Gelatinierung des Aquarellpapieres sehr
wohl etwas Oberflächenglanz besitzen, der die Lichter nur lebendiger macht und sehr gut
gegen das feine Matt der Halbtöne und Schatten steht.
Es existieren im Handel Pigmentpapiere genug,
die überhaupt matte Schichten ergeben; bei der fabrikatorischen Herstellung ist die
Gelatine mit entsprechenden Mengen von Stärke versetzt worden. Aber man kann auch sehr
einfach die Schicht glänzender Papiere nach dem Entwickeln mattieren. Ob der kleine
Kunstgriff allgemeiner bekannt ist, weiß ich nicht; jedenfalls könnte aber jeder, der
einmal in Gravüre gearbeitet hat, von selbst darauf kommen: auch ein anscheinend
vollständig ausentwickelter Pigmentdruck gibt noch farbigen Schleim ab, wenn man ihn mit
Spiritus überschüttet. Es ist daher bei der Übertragung auf Kupfer, und übrigens auch
bei der Anfertigung von Pigmentdiapositiven, üblich, das frisch entwickelte Bild
nacheinander von den vier Ecken aus mit geringen Mengen Alkohols zu übergießen; das Bild
klärt sich dann vollkommen, trocknet sehr schnell auf und - erscheint vollkommen matt.
Große Papierbilder badet man in Spiritus, sie geben da gewöhnlich so viel Wasser ab,
daß das Bad schnell an Wirksamkeit verliert und durch ein zweites, frisches mit
hochprozentigem Spiritus ersetzt werden muß. Man entzieht den Spiritusbädern natürlich
später das Wasser wieder, um sie länger brauchbar zu erhalten. Diesem Zweck dient der
Zusatz eines stark hygroskopischen, spiritusunlöslichen Körpers, der Pottasche.
Natürlich muß der entwässerte Alkohol vor dem Gebrauch vorsichtig vom Bodensatz
getrennt werden.
Ein verhältnismäßig sauberes Mittel ist
ferner in wasserfreiem Kupfersulfat gegeben. Man hat das Kupfervitriol durch Ausglühen
auf einem Drahtnetz vom Kristallwasser zu befreien und darf es selbstverständlich erst
dann in den wasserhaltigen Alkohol eintragen, wenn die Kristalle vollständig, auch im
Innern, erkaltet sind. Für unseren Fall dürfte die bewährte Verwendung von Kupfersulfat
als Wasserentziehungsmittel besonders geeignet sein. Leider ist nur der Spiritus heute so
teuer!
Bezüglich der Farbe bieten die im Handel
erhältlichen Pigmentpapiere reiche Auswahl. Bedauerlicherweise werden aber die
unglaublichsten Geschmacklosigkeiten begangen. Die Farbenmuster der Fabriken weisen
geradezu haarsträubende Scheußlichkeiten auf: grelle rote, blaue und violette Töne, die
natürlich für einfarbige Bilder ganz unmöglich sind. Dagegen vermissen wir, wenigstens
an unseren deutschen Papieren, noch immer besonders geschmackvolle feine warmschwarze und
auch gute braune Töne; als ob es ein besonderes Kunststück wäre, an Stelle der
greulichen, verletzenden Farben wirklich vornehme Töne zu mischen l Hat denn je ein
Kupferstecher oder Radierer die Brutalität begangen, einen Druck, der durch seinen
Schwarz-Weiß-Vortrag zu wirken hat, in einer ultramarinblauen oder schreiend
karmesinroten Farbe herauszugeben? Nein, diese Leistung war einzig der Photographie
vorbehalten. Als bald nach 1900 die Ozotypie (ein Chromatkopierverfahren auf
Zeichenpapier, bei dem das belichtete Bild auf eine aufgequetschte Pigmentschicht härtend
einwirkt) eine Rolle spielte, habe ich mir alle Mühe gegeben, deutsche
Pigmentpapierfabriken zur Herstellung geschmackvollerer Töne anzuregen. Im Inland war das
Ziel aber nicht zu erreichen. Jeder Eingeweihte weiß, wie selten leider unsere
Fabrikanten künstlerischen Absichten gegenüber ein verständnisvolles Entgegenkommen
zeigen.
Ein Grundsatz für homogene warmschwarze und
braune Färbung ist, wie früher erklärt wurde, daß sie. nach den Lichtern zu wärmer
auslaufen muß. Das "Kupferstichschwarz" oder die tiefsten, an sich kalten Braun
haben also einen geringen Zusatz von warmgoldigem Gelb oder einem der gebrannten Siena
entsprechenden Ton zu erhalten; Pariser Blau, in minimalen Mengen verwendet, bricht das
Feuer der Siena sehr fein nach einem merklichen Grün hin, ohne die Wärme des Tones zu
vernichten. Eine Terrakotta könnte, wie das Material der Rötelzeichnung des Malers, auch
sehr geschmackvoll sein, vorausgesetzt, daß sie am richtigen Ort verwendet würde usw.
Für Diapositive benützt man das eigens für
den Zweck hergestellte, besonders feinkörnige Spezialpapier, das sich übrigens auch für
Papierbilder famos, eignet, wenn man eine etwas warmgefärbte Unterlage als Bildträger
verwendet, doch nicht ein direkt tiefgefärbtes Papier, bei dem die Einzelheiten der
Lichter verschwinden würden.
Die für Ätzzwecke hergestellten
Pigmentpapiere besitzen am besten nur sehr geringe Farbenmengen, damit der Ätzvorgang
genau verfolgt werden kann, aber viel Gelatine.
Belichtet man hinter einem seitenverkehrten
Diapositiv (und jedes Pigmentdiapositiv ist ja eo ispo seitenverkehrt) ein, Stück
Pigmentpapier und quetscht es auf eine mit feinstem Asphaltkorn versehene Kupferplatte
auf, so erhält man nach dem Entwickeln eine ätzbare Platte. Das Pigmentbild stellt ein
Gelatinerelief auf dem Kupfer her, ein in den Tönen exakt abgestuftes Negativ, bei dem
die tiefsten Schatten offen bleiben, also das nahezu blanke Kupfer zeigen, während die
Lichter durch dicke Gelatineberge dargestellt erscheinen. Eine ziemlich starke
Eisenchloridlösung ätzt das Kupfer der Schatten schnell an und durchdringt auch
allmählich die mit dünnerer Gelatinehaut überlagerten, also den tieferen Mitteltönen
entsprechenden Teile der Kupferplatte. Überträgt man die letztere dann in schwächere
Eisenchloridlösungen, die infolge ihres größeren Wassergehaltes die dickeren
Gelatinepartieen zu durchdringen geeignet sind, so werden nach und nach, während sich die
Schatten fortwährend vertiefen, auch die helleren und hellsten Halbtöne angeätzt, und
es entsteht eine Druckform, die nach Entfernung des Gelatinereliefs sehr schön eine
diesem genau entsprechende Tiefätzung aufweist. Wird schließlich die Platte eingefärbt
und oberflächlich glatt abgewischt, so daß die fette Kupferdruckfarbe nur in den Tiefen
zurückbleibt, so ergibt der Umdruck auf Papier ein seitenrichtiges, kräftiges Bild. Dies
sind die Grundzüge der vom Österreicher Karl Klic 1879 gefundenen Gravüre
(Photogravüre, Heliogravüre), von der noch ein eigenes Kapitel handelt. Denn das schöne
Verfahren stellt die vollendetste Anwendungsform des Pigmentdruckes dar und gestattet
durch Benützung einer einstweilen noch wenig gekannten Methode der Nachätzung die
weitestgehende Beeinflussung von Tonwertgruppen, wie sie sonst beim Pigmentverfahren ganz
undenkbar ist. Und damit gelangt man schließlich doch, vom zwangsläufigen Pigmentdruck
ausgehend, zu einem freieren Druckverfahren, das dem Willen des Autors Raum läßt.
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